Bonus-Kapitel: Ins rechte Licht gerückt - Seite 3
Wie die Filmbeispiele aus Aufgabe 1 zeigen, können Szenen ganz unterschiedlich ausgeleuchtet werden, je nachdem welche Stimmung bzw. Wirkung beim Zuschauer erzielt werden soll.
Die Bildbeispiele aus Aufgabe 2 wiederum legen den Schluss nahe, dass es bei der Ausleuchtung – insbesondere von Personen – bestimmte, immer wieder angewandte Verfahren gibt.
Bei der Ausleuchtung einer Einstellung muss entschieden werden, welche Bereiche eines Raumes, eines Gegenstandes oder einer Person auf welche Weise beleuchtet werden sollen. Davon hängt im Wesentlichen die Wirkung der Ausleuchtung ab. In diesem Zusammenhang spielen dann folgende Faktoren eine wichtige Rolle:
Beim Film wird in aller Regel nichts dem Zufall überlassen. Auch nicht der Einsatz von Licht. Es ist davon auszugehen, dass – abgesehen vielleicht von den Dogma-95-Filmen eines Lars von Trier u. a. – grundsätzlich jede Einstellung ganz oder zusätzlich künstlich ausgeleuchtet wird und diese Beleuchtung die natürlichen Lichtverhältnisse simuliert bzw. ergänzt.
Ein häufig zu sehendes Beispiel ist die Beleuchtung eines Raumes durch Kerzenlicht. Auch wenn die Lichtempfindlichkeit der heutigen Kameras Aufnahmen bei Kerzenlicht zulassen, so ist die Beleuchtung eines Raumes in Filmen heller als es eine Kerze in Wirklichkeit leisten könnte.
Zu beachten ist, dass die künstliche Lichtquelle eine Person oder einen Gegenstand aus dem gleichen Winkel beleuchtet wie eine natürliche Lichtquelle. Für diese sich an natürlichen Lichtquellen orientierende Ausleuchtung verwendet man in der Fachliteratur Begriffe wie „Source Lighting“, „logische“ oder „naturalistische“ Lichtführung und steht im Gegensatz zu einer „stilisierenden“ oder „expressiven“ Ausleuchtung, durch die eine gewisse Künstlichkeit hervorgerufen wird, mit Hilfe derer ein Filmemacher Stimmungen erzeugen oder Inhalte übermitteln kann.
Die Lichtrichtung entscheidet maßgeblich über die Erscheinung und die Wirkung eines Objektes bzw. einer Person in den Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer, denn sie bestimmt das Verhältnis von Licht und Schatten. Kommt das Licht aus der Richtung der Kamera, also von vorne, wirft es kaum oder keine Schatten; je mehr es von der Seite kommt, umso mehr Schatten entsteht.
Durch gezielte Schattenbildung können beeindruckende Effekte erzeugt werden. Wer hat nicht schon einmal ein gruseliges, weil mit einer Taschenlampe von unten beleuchtetes Gesicht gesehen?
Seitlich einfallendes Licht erzeugt auf Objekten und Personen helle und dunkle Seiten, z. B. die beiden Hälften eines Gesichts. Auch damit lassen sich Inhalte übermitteln, etwa dass eine Person etwas zu verbergen hat oder eine gespaltene Persönlichkeit ist.
Vor einer Lichtquelle gefilmte Objekte, Personen oder Räume können durch das entstehende Gegenlicht mysteriös wirken. Ein typisches Beispiel ist der Blick eines Protagonisten, der die Augen aufschlägt und in ein grelles Licht schaut, vor dem sich die Konturen eines Kopfes abzeichnen, dessen Gesicht erst erkennbar wird, wenn sich der Kopf dreht oder zurückzieht.
Beim Lichtkontrast unterscheidet man zwischen hartem und weichem bzw. zwischen gerichtetem und diffusem Licht.
Mit gerichtetem Licht lassen sich gezielt Schatten erzeugen, das Licht ist in diesem Fall hart und es entsteht ein deutlicher Kontrast zwischen hellen und dunklen Stellen. In hartem Licht sind Strukturen und Konturen eines Objektes oder einer Person deutlicher zu erkennen.
Wird dagegen – z. B. mit Hilfe eines Diffusors – das Licht eines Scheinwerfers gestreut, so entsteht diffuses oder weiches Licht, bei dem keine oder kaum Schatten geworfen werden. Daher eignet sich weiches Licht auch gut, um kleinere Unregelmäßigkeiten oder Mängel an einem Objekt oder einer Person zu kaschieren.
Hartes und weiches Licht wird gerne analog zur Charakterisierung von Personen oder Stimmungen eingesetzt: In hartem Licht beleuchtete Filmfiguren wirken eher streng, hart oder (gefühls)kalt, während der Zuschauer Charaktere in weichem Licht eher als gute, sanfte Typen wahrnimmt.
Lichtfarbe wird seit langem zur Erzeugung von Stimmungen eingesetzt. Neben der allseits bekannten Zuordnung von bläulichem Licht zu Kälte sowie rötlichem Licht zu Wärme gibt es in der Psychologie der Farbwahrnehmung noch viel umfangreichere Assoziationsansätze, die allerdings nicht als absolut anzusehen sind.
Welche Assoziation bei welcher Farbe hervorgerufen wird hängt sowohl vom Individuum selbst als auch vom Kulturkreis ab, in dem dieses Individuum lebt.
Unter den Stichworten „Farbsymbolik“ oder „Farbassoziationen“ gibt es zahlreiche Schriften und Artikel mit Zuordnungen von Farben zu Gefühlen sowie zu Begriffen z. B. aus Politik, Gesellschaft, Religion oder Kommunikation.
Heute geschieht die eigentliche Farbgebung bei einem Film in aller Regel in der Postproduktion am Schnittcomputer. Bereits Schnittprogramme im Consumer-Bereich sind heutzutage mit Zusatzprogrammen ausgestattet, die es mit wenigen Maus-Klicks ermöglichen, einem Videofilm in vordefinierter Weise einzufärben. So wird für Horror- und Gruselstreifen häufig eine bräunliche oder grünliche Einfärbung angeboten, für Science-Fiction-Themen findet man bläuliche Farbgebungen und für die träumerische Romanze den Ton in orange oder goldgelb.
Beim Drehen eines Videofilms ist es wichtig, die Lichtfarbe oder Farbtemperatur des eingesetzten Lichts zu kennen. So haben Kunst- und Tageslicht ganz unterschiedliche Färbungen bzw. „Temperaturen“: Der Richtwert für die Farbtemperatur von Kunstlicht liegt bei 3200 Grad Kelvin, der für die Farbtemperatur von Tageslicht bei 5600 Grad Kelvin. Aber selbst innerhalb von Kunst- und Tageslicht gibt es wiederum enorme Unterschiede.
Um die Farben der Umgebung bei einem bestimmten Licht naturgetreu wiedergeben zu können, muss eine Videokamera einen so genannten „Weißabgleich“ machen, sonst besteht die Gefahr, dass die Aufnahmen blau- oder rotstichig werden.
Die Gestaltungsmöglichkeiten mit Licht und Farbe sind nun derart vielfältig, dass der Schwerpunkt der folgenden interaktiven Übungen in diesem Modul nur auf die klassische Portrait-Ausleuchtung von Personen gelegt wurde. Die Erkenntnisse aus diesen Übungen lassen sich aber auch auf die Ausleuchtung von Gegenständen und Räumen übertragen.
Eines der grundlegenden Verfahren ist die „Drei- (bzw. Vier-)Punk-Beleuchtung“ mit Hauptlicht, Aufhell-Licht und Spitzlicht sowie ggf. einem Hintergrundlicht, die z. B. gerne bei Interview-Aufnahmen angewandt wird.




